Programmieren gegen Populismus?

Der Populismus in unserer Gesellschaft wird immer salonfähiger. Und jetzt sollen Grundschüler Programmieren lernen. Wie passt das zusammen?

Populismus ist die neumodische Diffamierung eines politischen Standpunktes, schrieb Michael Hanfeld im November 2016 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Durchaus, meine ich. Aber Populismus, so nehme ich es wahr, hat noch viele weitere Ausprägungen. Einige davon haben mit Lügen, Falschmeldungen und dubiosen Quellen zu tun.

Populismus ist die neumodische Diffamierung eines politischen Standpunktes - Michael Hanfeld

Der Hass in den sozialen Netzwerken

In den sozialen Netzwerken werden solche „Meinungen“ teils tausendfach geteilt. Entsprechend ist wohl anzunehmen, dass es viel zu viele Menschen gibt, die genauso denken und sich deshalb nicht die Mühe machen, den Wahrheitsgehalt solcher Meldungen zu prüfen. Mehr noch. Sie fallen ein in die Kakophonie des Hasses, der Verleumdung und Denunzierung, die weit entfernt ist von jedweder sachlichen Auseinandersetzung mit einem Thema. Während ich die AfD häufig als eine Partei erlebe, die mit genau diesen Instrumenten arbeitet und deren einziges Thema die Ausgrenzung und der Hass auf andere zu sein scheint, muss man leider feststellen, dass auch andere Parteien immer häufiger in ein eher populistisches Horn stoßen. Als wüssten sie kein anderes Mittel, den Hasspredigern des rechten Spektrums entgegen zu wirken. Das aber ist gefährlich.

Hauptsache ein Sündenbock

Menschen lassen sich ganz offensichtlich leicht beeinflussen. Nach der Wahl von Donald Trump tauchen hier und da Berichte darüber auf, dass datengetriebene Organisationen die Diskussionen im Internet gezielt zu seinen Gunsten gesteuert hätten. Mit psychosozialen Programmen. Das hätte es aber vermutlich gar nicht gebraucht. Zu viele Menschen folgen Argumentationen, die ihre eigene Position irgendwie stärker machen, die ihnen eine Aufmerksamkeit zukommen lässt, die sie bis dato vermeintlich nicht hatten. Und da ist es Ihnen offensichtlich zunächst einmal egal, ob die Argumente der Wahrheit entsprechen und es kommt ihnen sogar entgegen, wenn andere durch sie ausgegrenzt werden. Oder schlimmer noch: Wenn es einen Sündenbock gibt, auf den man zeigen kann, weil es viele andere ja auch tun.

Die Fähigkeit der Reflexion fehlt

Die so wichtige Fähigkeit der Reflexion scheint dieser Tage abhanden gekommen zu sein. Das Betrachten von Sachverhalten aus mehreren Perspektiven, das Suchen nach Belegen, das Nachdenken anstelle des Mitlaufens. Mir macht das Angst. Weil all das in eine Richtung führt, die wir schon kennen. Überzogener Nationalismus, Ausgrenzung, das Ignorieren der Vorteile einer globalen Gemeinschaft. All das wird im Sturm der Entrüstung, des pausenlosen Münchhausen-Syndroms niedergetrampelt. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen tatsächlich glauben, in einer solchen Richtung ihr persönliches Heil zu erkennen. Das Gegenteil wird der Fall sein, wenn man extremen Rechtspopulisten erlaubt, das Steuer zu führen. Ja, ich zähle dazu auch die AfD. Allein das Profil des Bamberger Kreisverbandes spricht Bände des Hasses, der Verunglimpfung, der Lügen und der Ausgrenzung. Realpolitik oder ein sachlicher Diskurs sind da nicht zu erwarten.

Auch an die eigene Nase fassen

Ja, wir, die wir von uns selbst meinen, einem besseren moralischen Kompass zu folgen, tun es ihnen manchmal gleich. Weil wir mit ihnen in einer Art und Weise umgehen, die wir bei ihnen verurteilen. Ich glaube, diesbezüglich müssen wir aufpassen. Denn wir dürfen uns mit ihren Methoden nicht gemein machen. Auch, wenn ich über mich selbst sage, dass ich die AfD verachte, ebenso wie andere Rechtspopulisten und Rechtsextreme. Ich glaube aber, dass es der Anstand gebietet, dabei ohne Beleidigungen auszukommen. Humor, Sarkasmus, Satire ... dagegen ist, denke ich, nichts zu sagen. Aber Beleidigungen und persönliche Herabwürdigungen finde ich falsch. Auch wenn ich selbst davor sicher nicht gefeit bin.

Programmieren ist nicht die Lösung

Aber was tun mit den Unwahrheiten, dem populistischen Genöle und den völlig überzogenen Sachverhaltsdarstellungen? Man muss sie erkennen. Und das können, so zumindest kommt es mir vor, immer weniger Menschen.

Und dann wird plötzlich darüber diskutiert, ob Kinder in der Grundschule Programmieren lernen sollten. Denn man müsse sie ja schließlich auf die Digitalisierung vorbereiten. Nein, meine ich, Kinder in der Grundschule müssen nicht Programmieren lernen. Denn C++, Java, HTML und CSS helfen allein nicht, um die „neue Welt“ zu verstehen. Digitalisierung beginnt im Kopf und man muss nicht die Arbeit von Spezialisten beherrschen, um in einer digitalisierten Welt zu leben und einen wertvollen Beitrag leisten zu können.

Grundsätzlich finde ich es wichtig, die Dinge zu verstehen. Und dazu gehört zu wissen, wie Software funktioniert, wie etwa der Algorithmus von Facebook dafür sorgt, dass mir bestimmte Dinge auf meine Chronik gespült werden, die überaus selektiv sind, was mit meinen Daten geschieht und wie ich mich schützen kann. Solche Dinge sind wichtig. Dafür muss man nicht unbedingt programmieren können. Kinder und Jugendliche müssen früh lernen, wie man Quellen interpretiert und einschätzt, wie man sich besser und umfassender informiert, bevor man sich eine feste Meinung bildet und sie müssen wissen, dass es genügend Menschen dort draußen gibt, die die Möglichkeiten des sozialen Internets dazu nutzen, Lügen zu verbreiten, um zu manipulieren.

Es braucht Medienkompetenz

Kurz: Es braucht unbedingt das Fach „Medienkompetenz“ ab der Grundschule. Aber Kern dieses Faches sollte es nicht sein, Programmiersprachen zu lernen. Sondern die Dinge und Zusammenhänge, die unsere Welt heute bewegen zu verstehen und bewerten zu können. Dafür braucht es nicht einmal unbedingt neues Equipment.

Interessanterweise sind all das journalistische Qualitäten. Und da heutzutage jeder potentiell zum Publizisten werden kann, hielte ich es für wichtig, in diesen Fähigkeiten schon früh geschult zu werden. Dazu gehört auch zu lernen, wozu selektives Lesen führen kann. Und welchen Konsequenzen das bewusst subjektive Weglassen von Informationen haben kann. Sprich: Eine stärker objektivistisch orientierte Reflexionsfähigkeit und eine Ausbildung in Sachen Werte und Normen sind heute bedeutsamer denn je. Das wäre aus meiner Sicht ein wesentlicher Beitrag der Bildungspolitik.

Martin Wilbers

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